Tödlicher Organraub hält „Transplantationsindustrie“ in Gang
Andreas Weber warnt vor Folgen illegaler Organentnahmen auch für Organspenden in Deutschland
Vom WESTFÄLISCHES ÄRZTEBLATT – 05|2026
https://www.aekwl.de/index.php?id=7575
Schon die Vorstellung ist ungeheuerlich: Menschen werden getötet, um mit ihren Organen eine regelrechte Transplantationsindustrie für zahlungskräftige Interessenten zu betreiben. Was wie ein Szenario für einen dystopischen Roman anmutet, sei in China seit vielen Jahren Realität, berichtet Andreas Weber. Der Gelsenkirchener Orthopäde und Unfallchirurg setzt sich mit der internationalen Organisation „Doctors Against Forced Organ Harvesting“ (DAFOH) gegen Organraub und für eine ethisch einwandfreie Transplantationsmedizin ein. China scheint weit entfernt, doch illegale Organentnahmen untergraben auch hierzulande das Vertrauen in Organspende und Transplantationsmedizin, warnt er im Gespräch mit dem Westfälischen Ärzteblatt.
Andreas Weber hat die Transplantationsmedizin bereits als junger Arzt kennengelernt: Bei der Deutschen Stiftung Organtransplantation war er in einem Entnahmeteam für gespendete Organe tätig. Für die weltweit tätige Ärzteorganisation „Doctors Against Forced Organ Harvesting“ engagiert sich Weber nicht nur in Westfalen- Lippe, sondern auch z. B. bei Institutionen der Europäischen Union und den Vereinten Nationen. DAFOH besteht aus rund 40 aktiven Ärztinnen und Ärzten sowie rund 200 „Volunteers“, die u. a. an Gesetzesinitiativen und Petitionen gegen Organraub und Handel mitwirken. Die Organisation wurde u. a. mit dem Mutter-Teresa-Preis für soziale Gerechtigkeit ausgezeichnet.
Weitere Informationen zu „Doctors Against Forced Organ Harvesting“: www.dafoh.org
WÄB: Bitte geben Sie zu Beginn eine Einordnung: Wie hängen Organspende, Organhandel und Organraub zusammen?
Weber: Die Organspende ist klar definiert, sie ist freiwillig, ethisch einwandfrei und legal, ein großes Geschenk an die Empfänger. Organhandel hingegen ist in Deutschland verboten. Menschen, die eines ihrer Organe, warum auch immer, für den Handel zur Verfügung stellen, überleben die Prozedur der Organentnahme. Das ist beim Organraub anders, dieser führt immer zum Tod der Organquelle. Das ist eine ganz massive Menschenrechtsverletzung. Mit den auf diese Weise gewonnenen Organen ist ein riesiger Markt entstanden. Patienten nehmen daran teil, weil sie, z. B. wegen der langen Wartezeiten auf ein Spenderorgan, verzweifelt sind.
»Als Arzt finde ich es unerträglich, wenn Menschenleben für Profit geopfert werden.«
WÄB: Welche Dimensionen hat der Organraub, den Sie in
China beobachten?
Weber: Wir sprechen über eine Milliarden- Dollar-Industrie, hinter der eine große Infrastruktur für Transplantationen steht, überwiegend in Militärkrankenhäusern. So hat sich eine Klinik damit gebrüstet, schon 3000 Lebern von Kindern transplantiert zu haben. Doch bei den offiziellen Transplantationszahlen, das haben wir bei DAFOH recherchiert, gibt es große Inkongruenzen und Diskrepanzen.
WÄB: Woher stammen die Organe, um die es geht?
Weber: Mit der Verfolgung spiritueller Minderheiten im Land seit 1999 hat auch eine regelrechte Wellenbewegung mit einem Auf und Ab der Transplantationszahlen eingesetzt. Zu den Opfern von Organraub gehören Angehörige der buddhistischen Falun-Gong- Bewegung — sie erscheinen makabrerweise besonders attraktiv als Organquelle, weil sie aus Gründen ihres Glaubens sehr gesund zu leben versuchen. Doch auch Muslime und Christen sind betroffen. Nachdem die ersten Whistleblower von Organraub berichteten, haben wir bei DAFOH angefangen, offizielle Statistiken zu analysieren. Zwischen dem Beginn der Verfolgungen und dem Zeitpunkt, als Organraub publik wurde, haben sich die Transplantationszahlen verdoppelt, später verdreifacht. Inzwischen schätzen wir anhand von Zeugenberichten, dass es um bis zu 40 000 bis 50 000 Organentnahmen jährlich geht.
WÄB: Wie können Sie das recherchieren?
Weber: Es ist sehr schwierig, verlässliche Informationen zu bekommen, weil die beteiligten Menschen unter Druck und Überwachung stehen. So gibt es selten den „goldenen Beweis“, alles geschieht hinter verschlossenen Türen. Aber wir haben bei DAFOH dennoch tausende von Zeugenberichten gesammelt — das sind keine einzelnen Anekdoten mehr. Unser Bild der Situation steht auf mehreren Säulen: Zum einen die Transplantationsstatistiken, die übertrieben sind. Wir konnten zudem nachweisen, dass es zu Manipulationen auf den Spenderlisten kam — der Anstieg der Anzahl der registrierten freiwilligen Organspender folgte keinem natürlichen Verlauf, sondern entsprach anstatt dessen sogar einer
präzisen quadratischen Funktion. Ein weiterer Hinweis sind die extrem kurzen Wartezeiten im chinesischen Transplantationswesen. Zu Hochzeiten der COVID-Pandemie war in China ein Doppellungentransplantat innerhalb von zwei Tagen zu bekommen. Darauf würde ein Patient bei uns Jahre warten … Es spricht also alles dafür, dass in China das Prinzip der Organnachfrage umgekehrt worden ist: Statt sich wie in Deutschland als Patient auf die Warteliste für ein Organ setzen zu lassen, lässt sich offenbar in China ein Organ bestellen. Es wird dann geliefert aus einem Pool von Organquellen.
WÄB: Wie kann sich das hierzulande auswirken?
Weber: Wir wissen vom Beispiel einer deutschen Patientin, die gleich mehrfach für Transplantationen in China war. Ich selber habe vom Kontaktversuch eines Vermittlers bei einem deutschen Wartelistenpatienten erfahren, der das Angebot allerdings ausgeschlagen hat. Hinter alledem stehen offenbar geradezu mafiöse Strukturen.
WÄB: Wie können Ärztinnen und Ärzte hier von den Ereignissen in China betroffen sein?
Weber: Kolleginnen und Kollegen, die in diesem Bereich tätig sind, sollten wachsam sein, wenn ihnen eine Patientin oder ein Patient berichtet, womöglich tue sich da im Ausland eine Möglichkeit der Behandlung auf! Als Ärztinnen und Ärzte müssen wir uns klar von solchen Praktiken abgrenzen, im Sprechzimmer und auch in der Öffentlichkeit.
WÄB: Was schlagen Sie vor?
Weber: Es geht nicht darum, Patienten, die nach einer Alternative suchen, pauschal zu verurteilen. Schließlich sind sie diejenigen, die in diesem Gefüge am meisten verzweifelt sind. Sie wollen überleben und brauchen keine moralische Belehrung, sondern müssen in ihrer Lage abgeholt werden: Zunächst einmal muss das Vertrauen in unser Organspende-System durch maximale Transparenz gestärkt werden. Dazu gehört, dass man offen über Wartezeiten auf der Transplantationsliste spricht, aber eben auch über die Risiken und Gefahren eines fragwürdigen Systems anderswo auf der Welt. Information und Warnung, das geht bei Patientinnen und Patienten im ärztlichen Gespräch, in Kampagnen und in Hotlines. Für ärztliche Kolleginnen und Kollegen schlagen wir spezielle Fortbildungsangebote vor. Die DAFOH steht überdies als Kooperationspartner für gemeinsame
Präventions-Initiativen mit Institutionen und Verbänden zur Verfügung. Da sehe ich die Ärzteschaft auch in einer politischen Verantwortung: Wir müssen Gesetzesinitiativen unterstützen, die Reisen zum Organhandel und Raub unter Strafe stellen. International braucht es mehr Transparenz bei
Transplantationsregistern und konsequente Untersuchungen, wenn die Wartezeiten in Ländern unverhältnismäßig kurz erscheinen.
WÄB: Das klingt nach langfristig angelegter Arbeit — gibt es
bereits Erfolge?
Weber: Als Erfolge sehe ich die Positionierungen der Vereinten Nationen und des Europaparlaments gegen Organraub und Handel. In den USA ist aktuell zudem ein Gesetz zum Schutz von Falun-Gong-Angehörigen, die Opfer von Organraub geworden sind, auf dem Weg. Das Gesetz ist von Republikanern und Demokraten gleichermaßen befürwortet worden! DAFOH hat in der Vergangenheit bereits erfolgreiche Petitionen gegen Organraub aufgelegt. Wir arbeiten daran, dass daraus Gesetze entstehen, die diese Praktiken öffentlich verurteilen und davor schützen, womöglich aus Unwissen Komplize eines solchen Systems zu werden.
WÄB: Haben Sie persönlich Kontakt mit Angehörigen
von Betroffenen?
Weber: Ich bin in Kontakt mit Opfergruppen, habe mich lange mit Angehörigen unterhalten können. Es ist schwer zu ertragen, die Schicksale vor sich zu sehen! Ich weiß, dass insbesondere Falun Gong auch in Deutschland kritisch und als sektenähnliche Bewegung wahrgenommen wird. Wir haben uns daher intensiv mit dem Ursprung und der Entwicklung der Praxis in China beschäftigt. Als 1999 die staatliche Verfolgung einsetzte, wurde die zuvor ca. 100 Mio. Anhänger zählende Bewegung durch eine großangelegte Regierungskampagne gesellschaftlich isoliert. Ein zentrales Element dieser Kampagne war die systematische Diffamierung, die offenbar auch die Hemmschwelle für schwere Verbrechen gegenüber ihren Anhängern senken sollte — darunter nach zahlreichen Berichten auch der Organraub an Gewissensgefangenen.
Aus ärztlicher Sicht ist jede Form der nicht eingewilligten Organentnahme, insbesondere die Tötung von Menschen zum Zweck der Organentnahme, absolut inakzeptabel. Als Arzt habe ich die ethische Verpflichtung, nicht nur an den potenziellen Organempfänger zu denken, sondern auch an den Spender. Unser ärztlicher Auftrag ist es, Menschen zu helfen — unabhängig von deren Weltanschauung oder Überzeugung.
WÄB: Was treibt Sie an, dies Thema über viele Jahre so intensiv
zu verfolgen?
Weber: Das Thema betrifft Menschen nicht nur in China, sondern erzeugt auch unglaubliche Ströme eines regelrechten Transplantations-Tourismus. Es gibt in China eigens Transplantationsstationen für Ausländer, für Patienten aus Europa und aus dem Nahen Osten, die das System
»Es ist schwer zu ertragen, die Schicksale vor sich zu sehen.«
am Laufen halten. Als Arzt finde ich es unterträglich, wenn Menschenleben für Profit geopfert werden, wenn die Medical Community instrumentalisiert wird, um sich der Menschen zu entledigen, die mit Ihren Überzeugungen nicht ins herrschende System passen. Da sehe ich am Ende auch unser medizinisches System bedroht: Organraub und Handel gefährden letztlich auch das Vertrauen in die legale Organspende hierzulande. Wenn wir solches Handeln dulden und hinnehmen, sinken auch wir in unseren ethischen Standards. Das kann man, wenn man als Ärztin oder Arzt das Genfer Gelöbnis ernst nimmt, nicht akzeptieren.
Die Fragen stellte Klaus Dercks.






